Agiles Theater – Jeder mit jedem

Agiles Theater – Jeder mit jedem

„Agilität ist hipp, sie ist cool, sie hat viele Gesichter. Die Unternehmen sind voll von agilen Coaches und agilen Führungskräften, und alle sind in agilen Märkten mit agilen Wettbewerbern unterwegs.“

 Andreas Seitz im Manager-Magazin

Gnadenloses Durchkommunizieren

Agilität ist tatsächlich derzeit ein Hype. Nur wenige machen sich die Mühe, das Konzept dahinter zu verstehen, aber alle wollen auf den Zug aufspringen, denn wenn das Thema derart in aller Munde ist, muss ja was dran sein, oder?

So wird Agilität entweder beschlossen oder verordnet, ohne darüber nachzudenken, welche Schwächen oder Probleme in der Unternehmensstruktur man damit zu beheben hofft, und schon gar nicht, welche Ursachen diese haben könnten.

Die Magie der Agilität

Agiles Management und agile Organisation werden, so hofft man, Lösungen aus dem Hut zaubern wie die weißen Kaninchen von Varieté-Künstlern. Und tatsächlich geht man oft mit einer Art Abakadabra vor – die Zauberformel ist: Jetzt redet eben jeder mit jedem. Alles wird kommuniziert. Mit allen. Jederzeit.

Dabei wird gern auch noch der nächste falsch verstandene Begriff eingeworfen, nämlich Transparenz. Und möglicherweise auch: Verantwortung.

Das ist so zu verstehen, dass nicht nur alles endlos bequatscht wird, nein, dank der so geschaffenen plebiszitären Anarchie darf sich auch jeder bemüßigt und befugt fühlen, überall seinen Senf dazuzugeben. Absolut überall. Kompetenz ist dabei keine Grundvoraussetzung.

Falsch verstandene Agilität als ultimative Nivellierung

Die Rechnung geht in diesem Fall selten auf, denn die Organisation erschöpft sich im Klein-Klein. Alles wird gnadenlos zu Tode debattiert.

Außerdem ist das eine sichere Methode, kreative, mutige Ideen (samt ihren Schöpfern) vor die Löwen zu werfen. Wenn einer der engagierten, begabten Mitarbeiter ein innovatives Marketingkonzept vorstellt, kommt garantiert Herr X aus der Buchhaltung oder Frollein Y aus der Logistik – die beide von Marketing keine Ahnung haben – mit „technischen“ Bedenken. Die müssen natürlich so lange breitgeredet werden, bis der ursprüngliche Vorschlag als Totgeburt aus dem Kreißsaal der Debatte getragen wird.

1:0 für die Mittelmäßigkeit und auf ganzer Länge ein Verlust für das Unternehmen. Denn die Begabten geben irgendwann entnervt auf und verlassen die Firma. Da sie wiederum aus der Situation gelernt haben, gehen sie a) entweder zu einem Konkurrenten, bei dem sie sich wirklich einbringen können oder b) machen sich selbstständig. Letzteres immer häufiger und zum Nachteil der größeren Organisationen, die noch gar nicht absehen können, dass sie hier innovatives Potential für die nächsten Dekaden vergraulen.

Falsch verstandene Agilität ist weder produktiv noch gerecht – sie ist Agiles Theater und mündet in eine Gleichmacherei, der sich die besten Mitarbeiter rasch entziehen!